Eine Welt voll von Gefühl, Chaos, Herz & Verstand

Ever tried. Ever failed. No matter. Try Again. Fail again. Fail better (Samuel Beckett)

Dienstag, 29. März 2011

Die Zeit rast

Gut, dass ich kurzfristig gefahren bin. Gestern. Für ein paar wenige Stunden nach Hause, nach Minden. Dabei wusste ich nicht um ihren Zustand. Das hatte meine fürsorgliche Mama mir wochenlang verschwiegen. Wegen der Abgabe. Damit ich mich damit nicht auch noch belaste. Von dem zweiwöchigen Krankenhausaufenthalt wusste ich nichts. Nichts von dem Beckenbruch, den angerissenen Lendenwirbeln, nichts von den 2 Rippen, die sie sich mysteriöserweise im Krankenhaus brach und die verheimlicht wurden.
All das wusste ich nicht. Von den unschönen Erlebnissen, die sie machen mussten, in den letzten Tagen und Nächten. Die mir die Gänsehaut über den Körper jagten. Jetzt gehts ans Eingemachte. Meine Mama erzählte es mir sehr gefasst. Überhaupt, meine Mama. Wie unglaublich stark sie ist. Wie sie das meistert. Ich bin so beeindruckt, wie großartig sie sich macht. Ich hätte das nie geglaubt, muss ich ehrlich sagen. Und leiste innerliche Abbitte, wenn ich mich frage, ob ich das in der Form auch schaffen werde ...

Weihnachten war noch alles toll. Demenz halt. Mittlere Stufe noch so grad. Das konnte ich mit meiner professionellen Sicht diagnostizieren. Vieles andere konnte ich auch erklären. Das half meiner Mama. Doch die Therapeutin beiseite gelassen, war Weihnachten einfach so wunderbar. Wir in ihrem Zimmer. Sie, das Hundemädchen, ich. Irgendwie wie früher. Wenn ich an den Wochendenden auf ihrem Sofa lag. Wir Chips knabberten und Wetten dass guckten. Und ich damals schon dachte: "Muss denn der Fernseher so laut sein?" Im Dezember die gleiche Szenerie, nur mal eben 20 Jahre später und unter anderen Vorzeichen. Nicht mehr in ihrer Wohnung. Und doch ein paar der vertrauten Möbel. Sie in ihrem Sessel, ich auf meiner Matratzenburg und das Hundemdächen zufrieden dazwischen. Überhaupt. Wie glücklich sie war, endlich wieder ein Hund um sie rum. Nini liebt sie, wie alle meine Hunde sie geliebt haben. Das Aufstehen nach einer feuchten Kussweckaktion ging immer so viel leichter. Wir hatten so viel Spaß, wir alberten, wir machten uns mit unsrem uns eigenen Sarkasmus über alles und jeden lustig ... Klar, sie war nicht ganz fit. Sie sprach von Schmerzen, von ihrem nicht funktionierenden Kopf, von so vielen Kleinigkeiten. Die Osteoporose ließ sie dramatisch gebeugt gehen. Morgens half ich ihr beim Waschen. Aber auch das löste pure Bewunderung in mir aus. Sie ließ sich von ihrer Enkelin in diesem intimen Momenten helfen, ohne ein Wort - nein eher noch mit viel Dankbarkeit für das bißchen Unterstützung, das ich ihr geben konnte.

Mit diesen Erinnerungen kam ich also gestern in Minden an. Mittags. Sie schlief noch. Allein das war ungewöhnlich. Sonst kam sie vor mittags nicht aus dem Bett, das war eher das Problem. Aber dafür war sie auch bis 1h nachts wach. Nun schlief sie also. Meine Mama hatte Zeit mir zu sagen, was sie mir fürsorglich verschwiegen hatte. Als mein Stiefvater kam, wurde auch sie langsam wach. Ich setzte mich zu ihr an den Sessel. Sie wusste nicht wirklich, dass ich es war. Oder doch? Sie spürte es, oder? Doch, irgendwie wusste sie es wohl. Meine Hand drückte sie fest und immer wieder, während ich sie hielt. Sie streichelte. Beruhigte. Notwendige Erledigungen. Zurück in den Sessel. Die immer in Falten gelegte Stirn war noch weiter verkrampft. Stummer und doch so lauter Ausdruck ihrer Schmerzen. Ihrer Qual. Wir schauten uns an. Ihre Augen waren so müde, nur halb offen. Und so viel Leid darin. Das war so anders, so schockierend. Weihnachten waren das noch die Augen, die ich kannte. Die mir sagten, dass alles irgendwie weiter gehen muss und in denen trotz allem diese riesen Portion (Galgen)Humor hervorblitzten. All das war weg. Erloschen. Sie, die immer kräftig gewesen war, wie alle in der Familie meiner Mutter. Da saß ein 49kg leichter Geist vor mir. Ich hätte weinen mögen. Bald schlief sie wieder in ihrem Sessel ein. Meine Hand haltend, endlich entspannten sich die Gesichtszüge etwas.

In der Küche sagte ich meiner Mama, dass sie sofort eine andere Ärztin kontaktieren müsse. Ich kann mich irren, aber die zurückgekehrte Blutanemie hat meiner Meinung nach einen riesen Anteil an ihrem Zustand. Denn wenn kein Blut mehr durch den Körper fließt, stellt dieser seine Funktionen auf Sparflamme oder nicht? Und dann schläft man die Tage und Nächte durch. Meine Wut auf die Ignoranz und das Desinteresse der Hausärztin wuchs. Natürlich würde es Oma durcheinander bringen, wenn wir ihr nach 10 Jahren plötzlich die gewohnte Ärztin, eine ihrer Bezugspersonen entziehen. Aber ich mag mir das nicht mehr angucken!

Ich weiß nicht, ob es was ändern wird. Es gibt Aufbauspritzen, zur Not eine Bluttransfusion. Vllt ist dann der Spuk erstmal wieder vorbei. Vllt auch nicht. Vllt sehe ich sie Ostern schon nicht mehr. Aber egal, was in den nä. Tagen passiert: Der Abschied hat begonnen. Mit vollem Bewusstsein und einer gewissen professionellen Abgeklärtheit, die mir zuflüstert, dass es besser für sie sein wird. Blabla. Weiß ich alles. Aber natürlich will ich nicht Abschied nehmen. Ganz egoistisch sage ich, Du kannst doch noch nicht gehen. Du bist doch meine einzige Oma und dann auch noch die Wichtigste. Du hast mich mit großgezogen, Du warst immer da, nach dem Kiga, am WE, wenn wir Ausflüge durch Deutschland gemacht haben. Hast Rhabarber gekocht und wenn ich aus der Schule kam, gebückt im Garten Unkraut gejätet. Als Candy dann da war, bist Du mit ihr im Wiehen rumgekraxelt, wenn ich in der Schule war. Bei keinem hat sie so gejault, wenn er kam. Du warst die, die sie mit mir zusammen am Meisten vermisst hat.
Ich bin doch erst 29. Du sollst doch bei meiner Hochzeit dabei sein, meine Kinder sollen die beste Uroma der Welt haben. Es wartet noch so viel auf uns, auch auf Dich. Du darfst noch nicht gehen.

Warte wenigstens, bis ich Ostern zurück komme. Halt noch durch, gib noch nicht auf. Geh bitte noch nicht.

Der Abschied hat längst begonnen.

1 Kommentar:

  1. oh man, da kommen gefühle bei mir wieder hoch und die tränen stehen mir in den augen, wenn ich das lese.

    menschen zu verlieren ist grausam. und natürlich willst du, dass sie dein leben noch ein bisschen miterlebt -.-

    es gibt auch nicht das man in so einer situation am besten sagen kann. komme mir bei "kopf hoch" etc blöd vor.
    leider weiss ich wie es ist und ich würde auch nichts dergleichen hören wollen....

    ich wünsch dir einfach mal viel kraft.

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